Wir bringen die Bibel ins Gespräch

Grosseltern beurteilen Kinderbibeln   

Alois Schaller (Zentralvorstand), SKZ 49/2009

Mit dem kürzlich in Gossau (SG) durchgeführten Pilotprojekt «Grosseltern erzählen ihren Enkelkindern biblische Geschichten» bezweckte ich, an drei Kursnachmittagen den Umgang mit Kinderbibeln zu fördern und zu erleichtern.
Bei einer Ausstellung mit gut dreihundert verschiedenen aktuellen Kinderbibeln wurden in einem ersten Teil Beurteilungskriterien für empfehlenswerte Kinderbibeln erarbeitet. Bei der Auswahl einer verantwortbaren Kinderbibel im unüberschaubar gewordenen Angebot an vorhandenen Kinderbibeln sind viele überfordert. Anhand einiger davon ausgewählter Kriterien möchte ich die neue Kinderbibel von Vreni Merz und Anita Kreituse (Grosse Bibel für kleine Leute. München 2009) kritisch beleuchten.

Vorbemerkung
Zunächst gilt festzuhalten: «Die» gute Kinderbibel gibt es nicht. Je nach Art des Buchs (Bilder-, Erzähl-, Schulbuch usw.), Rezeptionssituation (selber lesen, vorlesen, erzählen, anschauen, lehren, feiern usw.), Alter, Milieu der Adressaten sind spezifisch dafür geeignete Kinderbibeln nicht gegeneinander auszuspielen.

Adressaten und Textauswahl
«Die grosse Bibel für kleine Leute» – ein sehr gelungener Titel – richtet sich an Vorschulkinder zum Vorlesen, Bilder betrachten und im Schulalter zum Selberlesen sowie für das Gespräch mit Erwachsenen. Bewusst wird vom Adressatenkreis kein Vorwissen an biblischer Kenntnis oder religiöser Begriffe vorausgesetzt, was einer breiten Leserschaft entgegenkommt.
Entsprechend dem Umfang der Bibel ist bzgl. Auswahl der Texte ein repräsentativer Anteil aus dem Alten Testament anzutreffen, wobei grosse, aber weniger bekannte Frauengestalten berücksichtigt, wenn auch zum Teil verkürzt dargestellt, werden.
Ester wird z. B. als einzige Person in der erzählten Geschichte namentlich erwähnt, die drei weiteren (männlichen) Hauptpersonen verschwiegen. Entsprechend fehlt auch jede Andeutung zur Entstehung des Purimfestes. Schade, dass in der Rut-Geschichte Betlehem nie erwähnt und ein Bezug zu David ausgelassen wird. Die Auswahl der Davidsgeschichten beschränkt sich auf den jungen David. David als König wird lediglich in drei Sätzen erwähnt, die Davidsstadt Jerusalem erst bei Jesaja. Auch dass Salomo den Tempel in Jerusalem bauen liess, wird ein Kind aus dieser Kinderbibel nie erfahren.
Die Verkürzungen sind auf die Betonung der spezifisch hervorgehobenen Eigenschaft dieser ausgewählten biblischen Gestalten zurückzuführen. Sperriges wie Gewalt und Leiden werden nicht ausgespart und kindadäquat, ohne zu moralisieren, erzählt. Das vermittelte Gottesbild wird nicht «auf einen lieben Gott» reduziert, er kann auch geheimnisvoll, widersprüchlich und fern sen.

Vielfalt an literarischen Gattungen
Dem Reichtum an literarischen Formen kommt «Die grosse Bibel für kleine Leute» mit einer Auswahl von Psalmversen entgegen, zu denen kindergerechte Anregungen zur Verarbeitung mit Bezug zum eigenen Leben gegeben werden.
Die novellenartige Erzählung «Rut», die Geschichtscollage «Judit», die Lehrerzählung «Jona» sowie einige Gleichnisse Jesu werden geschickt mit «Es war einmal» begonnen und so korrekt nicht als historische Ereignisse wiedergegeben. Apokalypse, Genealogien und Briefe sind jedoch nicht aufgenommen. So kommt auch der Apostel Paulus in dieser Kinderbibel nicht vor.
Hinführende Einleitungen zu den Texteinheiten verhelfen den Lesenden zu einem guten Verständnis. Nicht ganz sauber durchgezogen ist der Vorsatz, unterschiedliche Bibeltexte nicht zu harmonisieren bei der Geburtsgeschichte Jesu. Die unpassende Einleitung zum Traum Josefs aus dem Matthäusevangelium «Als Jesus geboren wurde, freuten sich die Menschen. Sie dachten: Er ist unser König, er wird uns retten», ist offensichtlich eine Anleihe aus der Lukas-Hirtenszene.

Kindsgemässe Sprache
Die Autorin bemüht sich um eine kindsgerechte Sprache, was ihr weitgehend gelungen ist. Abstrakte Substantive sollten in einer Kinderbibel jedoch verbalisiert werden. Statt «Sie waren voll Freude» (S. 228) wäre «sie freuten sich ausserordentlich» angemessener, ähnlich bei «Es war ein grosses Erstaunen unter den Menschen» (S. 310). Sprachlich abgehoben ist etwa «Sei gegrüsst» (S. 223) oder die Formulierung «Was sind das für Gedanken in euren Herzen?» (S. 246). Umständlich sind indirekte Redeformen wie: «Da befahl Jesus den Freunden, sie sollen die Leute einladen, sich ins grüne Gras zu setzen» (S. 264), die in direkter Rede viel lebendiger wiedergegeben werden können.
Theologische Begriffe wie Gnade oder Reich Gottes werden glücklicherweise nicht verwendet. Den schwer zu verstehenden Ausdruck «Geist» spart die Autorin im Schöpfungsbericht, bei der Geburtsverheissung Jesu und bei seiner Taufe aus, bis sie bei der Himmelfahrt Jesu und im Pfingstbericht nicht mehr darum herumkommt und unvermittelt vom heiligen Geist (nicht «Heiligen Geist»!) spricht. Bibeltheologisch befremdlich ist die Formulierung «Eine Taube flog hinunter, auf Jesus herab» (S. 235). Vergleiche, Symbole und Metaphern dürfen nicht wörtlich übertragen werden. Das wirkungsgeschichtlich verhängnisvolle «Herr-schen» über die Schöpfung wird im Schöpfungsbericht nicht besser, wenn es mit «regieren» wiedergegeben wird (S. 21).

Bibeltextnähe
Die löbliche Absicht «nahe am Bibeltext» (keine Abweichung vom Bibeltext oder ausschweifendes Ausschmücken) ist bis auf zwei Ausrutscher stringent durchgezogen. In der alttestamentlichen Josefsgeschichte wird Judas Vorschlag, seinen Bruder zu verkaufen, fälschlich mit «Dann bekommen wir Geld dafür» (S. 69) begründet, statt biblisch korrekt «denn er ist doch unser Bruder!». Damit wird eine gefährliche Assoziation von «Juda = Jude = geldgierig» Vorschub geleistet. Zudem wird Josef nicht von seinen Brüdern verkauft, sondern von midianitischen Kaufleuten an die ismaelitischen! Die zweite Abweichung findet sich in der Verkündigungszene, als Maria denkt «Wie soll ich ein Kind bekommen – ich bin doch nicht verheiratet» (S. 223). Das göttliche Geheimnis und Wunder des menschlichen Lebens hängt nicht vom Zivilstand der Mutter ab. Viele Kinder haben auch unverheiratete Eltern.

Illustrationen
Die Illustrationen der lettischen Malerin Anita Kreituse sind von hohem künstlerischen Wert und verhelfen der Kinderbibel zu einem grossartigen Gesamteindruck. Originell, manchmal verfremdend oder symbolhaft andeutend wird in eine fremde und manchmal geheimnisvolle Welt des Orients eingeführt. Vor allem ausdrucksstark sind die Gesichter der Menschen und Tiere.
Als Manko erweist sich die fehlende Korrespondenz von Malerin und Autorin, denn an die Illustrationen sind, ausser dem Gestalterischen, die gleichen Anforderungen wie an den Text zu stellen. Text und Bild dürfen sich nicht widersprechen. Der junge Esau, «über und über mit Haaren bedeckt» (S. 52) unterscheidet sich im Bild überhaupt nicht von Jakob (S. 53), erst bei der Versöhnungszene (S. 61), oder: «David war blond», ist aber mit schwarz-braunen Haaren gemalt (S. 147). Den grössten Vorbehalt habe ich gegenüber der stereotypen Jesus-Darstellung: immer im weissen (liturgischen) Gewand und meist im göttlich schimmernden Strahlenkranz.

Fazit
Eine theologisch verantwortbare und pädagogisch sinnvolle Kinderbibel ist höchst anspruchsvoll. Bei allen Vorbehalten zähle ich die besprochene Kinderbibel zu den empfehlenswerten auf dem gegenwärtigen Markt.

Alois Schaller, Diözesan- und Zentralvorstandsmitglied des Schweiz. Kath. Bibelwerks, ist in der Gemeindeseelsorge und Erwachsenenbildung der Seelsorgeeinheit Gossau (SG) tätig.

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