Wir bringen die Bibel ins Gespräch

Tod, wo ist Dein Stachel?   

Ein Beitrag von Detlef Hecking (Zentralvorstand und Diözesanvorstand Basel des SKB) zu Karfreitag und zum Paulusjahr Pfarrblatt Bern – April 2009

Ziemlich genau 1950 Jahre ist es her, dass der Apostel Paulus einen Jubelruf angestimmt hat. Der Tod habe ausgespielt, schreibt Paulus enthusiastisch nach Korinth. Nicht gerade heute schon, aber doch grundsätzlich: «Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. (…) Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?» (1 Kor 15,26.54f).

Ein Blick in die ersten Seiten der Bibel hilft dabei, diesen Jubel zu verstehen. Denn der Tod ist ja nicht einfach die selbstverständliche Bestimmung der Menschen. Vor langer Zeit, so die Bibel, habe Gott einen Garten angelegt: den Garten des Anfangs. In der Mitte dieses Gartens liess Gott zwei Bäume wachsen, den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und den Baum des Lebens (Gen 2,4b–9).

Wie die Geschichte weitergeht, haben wir aus unseren Schulbibeln meist nur unzureichend in Erinnerung. Die Menschen assen vom Baum der Erkenntnis – obwohl Gott ihnen angekündigt hatte, dass sie die Erkenntnis von Gut und Böse überfordern würde (Gen 2,16f).

Erst anschliessend hielt Gott es für nötig, den Menschen den Weg zum Baum des Lebens zu versperren: «Seht, der Mensch ist geworden wie wir. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt!» (Gen 3,21–24).

Ein kleines Gedankenspiel sei erlaubt: Was wäre geschehen, wenn die Menschen damals nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen hätten, sondern vom Baum des Lebens – dessen Früchte ihnen ja ursprünglich nicht verboten waren? Würden sie – und wir mit ihnen – dann tatsächlich ewig leben, wie es Gen 3,22 voraussetzt?

Die Frage ist müssig, und sie ist auch allzu naiv gestellt im Rahmen dieser mythischen Erzählung über die Bestimmung menschlichen Lebens. Wir wissen, wie es weiterging: Gott weist den Menschen den Weg aus dem Garten heraus, in die selbstverantwortete Freiheit. Es ist ein Leben, das empfindliche Grenzen kennt, das wir aber auch schöpferisch gestalten können.

Ein Leben, in dem wir uns jeden Tag neu entscheiden können, ob wir uns daran erinnern, dass wir Ebenbilder Gottes sind, Kinder des Lebendigen. Oder ob wir uns darauf versteifen, dem Tod ausgeliefert zu sein. Denn auch diese Sicht hat etwas für sich: Schliesslich, so die Bibel, hat Gott selbst uns den Tod mit auf den Weg gegeben, als ständigen Begleiter.

Was das bedeutet, wissen wir nur allzu gut. Oft tun wir so, als wären wir Kinder des Todes. Dabei wäre es ja noch zu ertragen, wenn es nur um den Tod am Ende ginge und es nach einem erfüllten Leben heisst: «Staub bist du, zum Staub musst du zurück» (Gen 3,19). Dass unser Leben nicht ewig währt, daran könnten wir uns noch gewöhnen.

Viel schlimmer aber ist der andere Tod: Der unzeitige Tod, der viel zu früh kommt und Kinder hinwegrafft. Der gewaltsame Tod. Der menschengemachte Tod aus Gewehrkugeln und Reagenzgläsern. Der Tod in zerbombten Häusern und Konzentrationslagern. Der Tod in selbstgeknüpften Stricken, unter Folter, durch sexuelle Gewalt. Der Tod aus himmelschreiender Ungerechtigkeit. Der Tod aus Hunger, aus Mangel an Wasser, an Medikamenten, aus Mangel an Aufklärung und Aids-Prävention: der Tod aus Ignoranz.

Aber auch die ungezählten inneren Tode, die Tode mit einem stummen Schrei: Wenn ein Mensch gar nicht erst zum vollen Leben kommt, weil der auferlegte Rucksack zu schwer ist für ein einziges Leben. Der langsame, schleichende Tod einer Liebe. Der Tod aus Einsamkeit oder lähmender Angst, Entwürdigung oder Resignation.

Jesus trägt das Kreuz. Ausschnitt. Aus: Jürg Lenggenhager, 14 Stationen des Kreuzweges. Entwurf. Foto: Jürg Meienberemlich genau 1950 Jahre ist es her, dass der Apostel Paulus einen Jubelruf angestimmt hat. Der Tod habe ausgespielt, schreibt Paulus enthusiastisch nach Korinth. Nicht gerade heute schon, aber doch grundsätzlich: «Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. (…) Verschlungen ist der Tod vom Sieg. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?» (1 Kor 15,26.54f).

Ein Blick in die ersten Seiten der Bibel hilft dabei, diesen Jubel zu verstehen. Denn der Tod ist ja nicht einfach die selbstverständliche Bestimmung der Menschen. Vor langer Zeit, so die Bibel, habe Gott einen Garten angelegt: den Garten des Anfangs. In der Mitte dieses Gartens liess Gott zwei Bäume wachsen, den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und den Baum des Lebens (Gen 2,4b–9).

Wie die Geschichte weitergeht, haben wir aus unseren Schulbibeln meist nur unzureichend in Erinnerung. Die Menschen assen vom Baum der Erkenntnis – obwohl Gott ihnen angekündigt hatte, dass sie die Erkenntnis von Gut und Böse überfordern würde (Gen 2,16f).

Erst anschliessend hielt Gott es für nötig, den Menschen den Weg zum Baum des Lebens zu versperren: «Seht, der Mensch ist geworden wie wir. Dass er jetzt nicht die Hand ausstreckt, auch vom Baum des Lebens nimmt, davon isst und ewig lebt!» (Gen 3,21–24).

Ein kleines Gedankenspiel sei erlaubt: Was wäre geschehen, wenn die Menschen damals nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen hätten, sondern vom Baum des Lebens – dessen Früchte ihnen ja ursprünglich nicht verboten waren? Würden sie – und wir mit ihnen – dann tatsächlich ewig leben, wie es Gen 3,22 voraussetzt?

Die Frage ist müssig, und sie ist auch allzu naiv gestellt im Rahmen dieser mythischen Erzählung über die Bestimmung menschlichen Lebens. Wir wissen, wie es weiterging: Gott weist den Menschen den Weg aus dem Garten heraus, in die selbstverantwortete Freiheit. Es ist ein Leben, das empfindliche Grenzen kennt, das wir aber auch schöpferisch gestalten können.

Ein Leben, in dem wir uns jeden Tag neu entscheiden können, ob wir uns daran erinnern, dass wir Ebenbilder Gottes sind, Kinder des Lebendigen. Oder ob wir uns darauf versteifen, dem Tod ausgeliefert zu sein. Denn auch diese Sicht hat etwas für sich: Schliesslich, so die Bibel, hat Gott selbst uns den Tod mit auf den Weg gegeben, als ständigen Begleiter.

Was das bedeutet, wissen wir nur allzu gut. Oft tun wir so, als wären wir Kinder des Todes. Dabei wäre es ja noch zu ertragen, wenn es nur um den Tod am Ende ginge und es nach einem erfüllten Leben heisst: «Staub bist du, zum Staub musst du zurück» (Gen 3,19). Dass unser Leben nicht ewig währt, daran könnten wir uns noch gewöhnen.

Viel schlimmer aber ist der andere Tod: Der unzeitige Tod, der viel zu früh kommt und Kinder hinwegrafft. Der gewaltsame Tod. Der menschengemachte Tod aus Gewehrkugeln und Reagenzgläsern. Der Tod in zerbombten Häusern und Konzentrationslagern. Der Tod in selbstgeknüpften Stricken, unter Folter, durch sexuelle Gewalt. Der Tod aus himmelschreiender Ungerechtigkeit. Der Tod aus Hunger, aus Mangel an Wasser, an Medikamenten, aus Mangel an Aufklärung und Aids-Prävention: der Tod aus Ignoranz.

Aber auch die ungezählten inneren Tode, die Tode mit einem stummen Schrei: Wenn ein Mensch gar nicht erst zum vollen Leben kommt, weil der auferlegte Rucksack zu schwer ist für ein einziges Leben. Der langsame, schleichende Tod einer Liebe. Der Tod aus Einsamkeit oder lähmender Angst, Entwürdigung oder Resignation.

Jesus trägt das Kreuz. Ausschnitt. Aus: Jürg Lenggenhager, 14 Stationen des Kreuzweges. Entwurf. Foto: Jürg Meienber enthusiastisch nach Korinth. Nicht gerade heute schon, aber doch grundsätzlich: «Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. (…rt viel mehr sind als ein philosophisches Gedankenspiel?

Ich glaube, Paulus jubelt über die Entmachtung des Todes, gerade weil er um dessen unzählige Formen weiss. Weil er viel davon am eigenen Leib erlebt hat (1 Kor 15,30–32; 2 Kor 11,16–12,31) und weil er die Gemeinde, an die er schreibt, gut kennt. Die Frauen und Männer in Korinth haben den Widerspruch gegen den allgegenwärtigen Tod bitter nötig. Sie – und auch wir heute – können nicht verzichten auf die Erinnerung, dass wir Ebenbilder des Lebendigen sind und nicht Kinder des Todes.

Und der Jubelruf des Paulus hängt nicht in der Luft: Er gründet darin, dass Gott selbst den Menschen Leben verheissen hat – ohne schmerzliche Grenzen. Jetzt, so Paulus, hat Gott sich daran erinnert, endlich! Der Lebendige selbst hat Jesus, eines der ungezählten Opfer des Todes, auferweckt!

Der Jubel ist zugleich eine Verheissung: Denn mit der Auferweckung Jesu beginnt für Paulus die allgemeine Auferweckung der Toten, die viele Jüdinnen und Juden erwarteten. Die Auferweckung Jesu ist der Beginn einer neuen Geschichte, die Gott mit allen Menschen schreibt.

Das Ziel dieser Geschichte bringt das letzte Buch der christlichen Bibel auf den Punkt (Offb 22,1–5): Am Ende werde wieder ein Garten sein. Nicht mehr der Garten des Anfangs in der Wüste, sondern der Garten der Vollendung, mitten in der Stadt: Die Geschichte der Menschen lässt Gott und Gottes Verheissungen nicht unberührt.

Und in diesem Garten der Vollendung steht er wieder, der Baum des Lebens. Nicht mehr einen Baum, wie am Anfang, sondern gleich zwölf Lebensbäume sieht der Seher dort. Der Weg zu den Bäumen ist offen. Damit niemand, wirklich niemand mehr vergessen kann, dass Menschen zum Leben geboren sind und nicht für den Tod.

Detlef Hecking, lic. theol., Lehrbeauftragter für Neues Testament, Universität Luzern, Jegenstorf

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