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Eli Bar-Chen, Heike Specht, Warum Schabbat schon am Freitag beginnt. Die Kinder-Uni reist in die Welt des Judentums   

Buch des Monats April 2008

Es ist eine geniale Idee, als Transportmittel für die Reise in die Welt des Judentums Bücher zu wählen. Unter Anleitung eines geheimnisvollen und namenlosen alten Mannes lernen die beiden Geschwister Lilli und Jakob in Bücher zu springen, die sie zu Orten und Menschen bringen, die für die Geschichte des Judentums von Bedeutung sind. Auf den Flügeln von Büchern begegnen sie dem Volk des Buches. So springen sie nacheinander in eine Tora-Rolle, wodurch sie Abraham und Sara treffen, in eine Pessach-Haggada, die sie zu Mose nach Ägypten und zu jüdischen Familien am Sederabend bringt, in die «Geschichte der Juden» von Heinrich Graetz, wodurch sie zur Zeit Königs Salomos Schabbat feiern und als Pilger zum Tempel nach Jerusalem reisen, in Flavius Josephus’ «Der Jüdische Krieg», wodurch sie die Belagerung Masadas erleben, in einen Siddur, ein Gebetbuch, das sie Maimonides und der rabbinischen Toraauslegung begegnen lässt, in «Jerusalem» von Moses Mendelssohn, wodurch sie einer jüdischen Räuberbande begegnen und etwas über die jüdische Aufklärung erfahren, in das Tagebuch der Anne Frank, durch das sie mit dem Holocaust konfrontiert werden und schliesslich in Theodor Herzls «Judenstaat», wodurch sie dem Zionismus begegnen und in den Staat Israel reisen.

Mit der Grundidee der Reise per Buch schaffen es Eli Bar-Chen und Heike Specht, die Vielfalt jüdischer Geschichte kenntlich und zugänglich zu machen und zwei immer noch sehr verbreitete Verengungen aufzubrechen: auf die biblische Zeit bzw. auf die Zeit des Holocaust. Das kommt ganz besonders deutlich in der Zeittafel auf S. 189 zum Ausdruck.
Neben den Büchern als Gestaltungselement der Reise stellt der Band der Kinder-Uni eine Vielzahl von konkreten Fragen und gibt in der Erzählung Antwort darauf. Diese Fragen lauten z.B. «Wie wird man eigentlich Jude?» oder «Warum dürfen Juden keinen Cheeseburger essen?» oder «Darf man in der Synagoge schwätzen?» oder «Warum schweigen Erwachsene manchmal so betreten, wenn es um die Geschichte der Juden geht?» Diese Fragen sind aus der Sicht von Kindern gestellt, an die sich die Reihe Kinder-Uni ja in erster Linie richtet. Es handelt sich aber durchweg um Fragen, die auch für Erwachsene von Interesse sind. Die gegebenen Antworten sind gut in den Erzählfluss integriert. Bei aller Knappheit wahren sie die Komplexität der angesprochenen Themen. Der informative Charakter des Buches werden gefördert durch die Einfügung wichtiger Sachinformationen in farblich abgesetzten Rahmen und die ausdruckstarken Bilder von Bernd Wiedemann.

Die Geschichte beginnt in Berlin mit der Langeweile Lillis, eines Mädchen im Teenageralter, und ihres jüngeren Bruders Jakob. Sie beschliessen das «Zickzackding», das heisst, das neue jüdische Museum, zu besuchen. Sie bringen praktisch keinerlei Vorwissen über das Judentum mit, sind aber abenteuerlustig und neugierig und bieten sich als Identifikationsfiguren an. Schliesslich lernen sie in ihrer Schule den jüdischen Jungen Juri Kohen kennen und erfahren, dessen Familie aus Russland stammt. Dadurch wird das Judentum als heute praktizierte Religion sichtbar. Der namenlose alte Mann mit weissem Bart gibt sich am Ende des Buches als Begleiter des jüdischen Volkes seit ewigen Zeit zu erkennen. Etwas schade, dass sein Bild so bruchlos dem traditionellen patriarchalen Gottesbild entspricht. Hätte es da nicht in der jüdischen Tradition offenere Bilder gegeben?

Könnte ich mir eine Ergänzung wünschen, so hätte ich gerne noch eine weitere Buchreise und zwar mit einem Buch aus dem gegenwärtigen europäischen oder amerikanischen Judentum. Aber natürlich ist noch nicht abzusehen, welches heutige Buch ähnlich bedeutsam werden wird, wie die Vorgestellten. Vielleicht würde sich da auch eine jüdische Zeitschrift oder eine Internetseite anbieten, die Zugang zu den aktuellen Auseinandersetzungen in der jüdischen Welt bietet. Trotz dieses unerfüllten Wunsches ist das Buch für Kinder und Erwachsene zu empfehlen. Es eignet sich auch sehr gut für den Einsatz in Unterricht und Erwachsenenbildung.

Peter Zürn

Eli Bar-Chen, Heike Specht, Warum Schabbat schon am Freitag beginnt. Die Kinder-Uni reist in die Welt des Judentums, München 2007, sFr 34,90 Euro 20,60, ISBN 978-3-421-05948-2

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