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Diana Klöpper, Kerstin Schiffner, Gütersloher Erzählbibel. Mit Bildern von Juliane Heidenreich   

Buch des Monats Oktober 2006

In den nächsten Tagen erscheint die neue Bibelübersetzung «Bibel in gerechter Sprache». Zwei der zentralen Anliegen dieser Neuübersetzung sind in der Gütersloher Erzählbibel von Diana Klöpper und Kerstin Schiffner von 2004 bereits realisiert:
ein kritischer Blick auf die Geschlechterrollen und ein kritischer Umgang mit antijudaistischen Haltungen. Positiv formuliert heisst das:
Die Erzählbibel richtet ein besonderes Augenmerk auf biblische Frauengestalten und erzählt die Texte mit einem Blick für die Vielfalt von Geschlechterrollen. «Debora kämpft und Jakob kocht», heisst es programmatisch im Nachwort (S. 380). Und die christliche Erzählbibel gibt der jüdischen Bibel grossen Raum und Eigenwert und erzählt auch von Jesus Christus in der Verknüpfung mit der jüdischen Tradition. Das sichtbarste Zeichen für diese Ausrichtung besteht darin, dass die Erzählbibel in der Anordnung der alttestamentlichen Texte der Hebräischen Bibel folgt, also die Reihenfolge Tora, Propheten und Schriften aufweist. Ausserdem kristallisieren sich in den einzelnen Erzählungen biblische Grundthemen heraus, die Erstes und Zweites Testament eng verknüpfen:

Die Gütersloher Erzählbibel hat darüber hinaus – gerade im Vergleich zu anderen Erzählbibeln – einige wertvolle Besonderheiten:
Sie achtet die Fremdheit der biblischen Texte und will sie gerade als fremde vertrauter machen. Dies wirkt sich zum Beispiel darin aus, dass Texte aufgenommen wurden, die sich in anderen Erzählbibeln für Kinder und Jugendliche oft nicht finden, wie zum Beispiel manche prophetische Texte. Oder dass Texte in ihrer sprachlichen Eigenart auch in der Nacherzählung bewahrt bleiben, der erste Schöpfungsbericht etwa, der als poetisches Gedicht wiedergegeben wird.
Die Erzählbibel orientiert sich an der Vielfalt des biblischen Redens von Gott und bewahrt sie. Damit schafft sie – neben der Relativierung einseitig patriarchal geprägter Gottesbilder – Raum für die Begegnung mit anderen Erfahrungen und Vorstellungen als die mit dem «lieben» Gott.
Im gleichen Kontext steht die Entscheidung, nicht nur «schöne» Bibeltexte wiederzugeben. Die Welt der biblischen Geschichten ist keine heile Welt, genauso wenig wie die Welt der Kinder und Jugendlichen heute. Die Erzählbibel bietet u.A. Raum für die Auseinandersetzung mit Gewaltgeschichten wie z.B. der Geschichte von Dina (Gen 34), von Jiftachs Tochter (Ri 11) und der Geschichte Tamars (2 Sam 13).
Das Nachwort (S. 376-390) beschreibt sehr dicht und nachvollziehbar die theologischen und pädagogischen Grundentscheidungen, die die Erzählbibel geprägt haben. Es ist sehr zu empfehlen, auch für die Reflexion des eigenen Umgangs mit biblischen Texten.
Einen besonderen Service stellen die Einführungen in die grossen Textteile – Tora, Prophetie, Schriften, Neues Testament – dar, die sich jeweils am Anfang des Textteils finden.

Die augenfälligste Besonderheit der Gütersloher Erzählbibel sind die Bilder der Malerin Juliane Heidenreich. Sie sind in enger Kooperation mit den Autorinnen entstanden und viel mehr als blosse Illustrationen. Sie sind eigene Auslegungen der Geschichten und machen die Vielschichtigkeit der Geschichten sichtbar. Dem entspricht es, dass die Bilder oftmals in Collagetechniken gestaltet sind, die Motive aus anderen Kontexten in einen neuen Zusammenhang bringen. Neben ganzseitigen Bildern gibt es immer wieder die Form des «erzählenden Bilderrahmens», der die Erzählung begleitet. Im Zentrum der Bilder steht aber die Gestaltung individueller Menschen als Personen zum Anfassen, Identifizieren, Auseinandersetzen.
Ein besonderes Angebot der Gütersloher Erzählbibel ist denn auch das Ergänzungsbuch zu den Bildern mit Beschreibungen und Deutungen sowie einigen Praxistipps, die allerdings eher knapp ausgefallen sind. Die beigefügte CD-Rom mit den Bildern schafft aber vielfältige Möglichkeiten für das Arbeiten mit diesen Bildern. Leider ist das Ergänzungsbuch im Verhältnis zur Erzählbibel sehr teuer.

Die Gütersloher Erzählbibel richtet sich in erster Linie an Kinder und Jugendliche. Sie ist aber meiner Erfahrung nach sehr gut auch für die Bibelarbeit mit Erwachsenen geeignet.

Peter Zürn

Diana Klöpper, Kerstin Schiffner, Gütersloher Erzählbibel. Mit Bildern von Juliane Heidenreich. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2004, 400 Seiten, ISBN: 3-579-05466-X, CHF 36,10
und
Diana Klöpper, Kerstin Schiffner, Gütersloher Erzählbibel. Die Bilder. Beschreibungen – Deutungen – Praxis-Tipps. Mit CD-rom. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2005, ISBN: 3-579-05467-8, CHF 52,90

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