Wir bringen die Bibel ins Gespräch

Frauengeschichten aus der Bibel   

Eva und der Zitronenfalter

Susanne Niemeyer
Eva und der Zitronenfalter. Frauengeschichten aus der Bibel
Leipzig 2017, 142 Seiten, ISBN 978-3-96038-019-1

Eva, Schwiegertochter Gottes, schaut dem Zitronenfalter nach, der den Bus überholt. Frau Hickendahl, die Schlage, sieht Evas Blick und ihren Wunsch nach mehr Freiraum. «Drei sind einer zu viel … «» (12) die ungeliebte Frau Hickendahl bestärkt Eva in der Sehnsucht, sich zu entfalten.
Aber nicht nur die Figur der Eva wird in dieser Sammlung neu erzählt und entfaltet. In 19 Episoden gelingt es der Autorin, berühmte und auch namenlose Frauengestalten der Bibel neu zu beleben:  Maria von Magdala, Sara, Lydia und Junia ebenso wie Frau Weisheit oder die Töchter von Lot. Milieubeschreibungen, pfiffige Dialoge voller Poesie, Liebe und Tragik führen manchmal ganz nah an die biblischen Texte und manchmal ganz in die Gegenwart heute. So lässt Niemeyer Gott in einem Baby-Bekleidungsgeschäft auftauchen, schwanger mit Jesus (der auch viele andere Namen tragen wird). Nicht nur die Verkäuferin ist verwirrt.
Auch Leser und Leserinnen, die sich in den letzten 30 Jahren die Frauen aus der Bibel zusammengesucht haben, um sie dem ewig patriarchalen Überhang in der Verkündigung entgegenzusetzen, werden in diesem Band herausgefordert, sich in narrativer Leichtigkeit auf so nie gehörte Geschichten einzulassen.
Jede Episode schliesst mit biblischen Versen oder Zitaten, so als sollten sie zur Vergewisserung dienen, dass es sich auch hier um den bekannten uralten Erzähl-Stoff handelt. Aber Niemeyer hat eben Neues darin entdeckt und damit nicht nur Eva aus dem sogenannten Sündenfall, sondern auch viele andere Figuren aus ihrem Rezeptionskorsett befreit. Die Leichtigkeit, die das Buchcover vermittelt, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Niemeyer auch an die Abgründe in den Erzählungen wagt. Die Geschichte von Lot und seinen Töchtern, die Vision der Seherin, die Saul und seinen Söhnen seinen Tod prophezeit oder das Blutleiden, das das fruchtbar werdende Mädchen und die blutflüssige Frau verbindet.
Am Ende bleibt das Buch ein offenes Gespräch und eine Einladung. Gut möglich, dass sich beim Lesen der letzten Seiten Bedauern einstellt, dass der Leseschmaus vorbei ist.
Sehr empfehlenswert – nicht nur für Frauen.

Katja Wißmiller, November 2017

Dienstag, 20. Februar 2018, 16:32

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