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Leben tief und weit – ein biblischer Jahresbegleiter   

Buch des Monats

Niklaus Kuster, Leben tief und weit. Ein biblischer Jahresbegleiter, camino. Katholisches Bibelwerk 2015, 280 S. ISBN 978-3-460-50002-0, CHF 28.90

Einen Bibelvers für jede Woche. Zugelost nach dem Losungsbuch der Herrnhuter Gemeinschaft. Niklaus Kuster lässt sich davon zu einem täglichen Impuls anregen und geht so mit diesem Bibelvers durch die Woche. Er folgt dabei dem Kirchenjahr, beginnt also mit den 4 Wochen der Adventszeit, nimmt aber auch das Kalenderjahr und die Jahreszeiten in den Blick (Impulse in den Jahreswechsel, Impulse in Sommertage…). Mitunter folgt er dem Bibelvers durch den biblischen Kontext (Impulse zu Jeremia, zur Josefsgeschichte …). Mitunter folgt er dem Thema, das der Vers anschlägt (Impulse in die Endlichkeit, für Treue im Wandel…). Und immer wieder nimmt er Franz und Klara von Assisi mit auf den Weg durch die Woche (Impulse zum Sonnengesang, Impulse zu Klara von Assisi und Martin Luther…) und nimmt uns mit auf seine Pilgerwege durch die franziskanische Welt.

«Tagesimpulse für ein Leben mit Tiefe und Weite» überschreibt er sein Vorgehen und versteht das «Leben mit Tiefe und Weite» als dichte und interreligiös gültige Definition von Spiritualität und formuliert programmatisch: «Wer in die Tiefe wächst, wird auch offen für die Welt … Wer das Göttliche in der Seele findet, öffnet sich für alles Gute, Wahre und Schöne in anderen Menschen und überall auf Erden. Oder umgekehrt: Wer Leidenschaft zeigt für die Welt, braucht auch Sorge um sich selbst» (Vorwort S. 9).

Exemplarisch sei eine Woche näher vorgestellt. Die Auswahl ist geprägt vom Schwerpunkt des Bibelwerks, der Apostelgeschichte. Niklaus Kuster folgt dem Vers Apg 7,51 durch die Stephanus-Geschichte (S. 262-266). Er lässt sich vom Glaubensmut von Märtyrerinnen und Glaubenszeugen betreffen. Über Fresken in einer Katakombe in Grottaferrata nähert sich Kuster den antiken Glaubensgeschwistern an. Unter der Überschrift «Wir und die anderen» liest er die Stephanusgeschichte im Kontext innerjüdischer Auseinandersetzungen um nationalistische Abgrenzung oder weite (hellenistische) Horizonte. Nicht immer ist er hier allerdings frei von Verkürzungen und undifferenzierten Zuschreibungen wie dieser: «Pharisäer und Schriftgelehrte meinen, Gottes Willen in Theologien und Normen fassen zu können» (S. 265). Schliesslich erkennt er in der Geschichte drei Urversuchungen jeder Religiosität mit aktueller Brisanz: «dass sie ausschliesslich wird, Gott an Orte und Institutionen bindet und Menschliches zu gottgewolltem Gesetz erhebt.» Daraus entstehen ganz persönliche Anfragen: «Wie gehe ich mit Menschen um, die mir wie Stephanus unliebsame Fragen stellen…?» Und daraus entsteht ein Gespräch zwischen Stephanus und Petrus über ein geschwisterliches Modell von (Kirchen-)Leitung. Viel Tiefe und Weite in überaus dichter Form.
Niklaus Kusters Buch ist ein sehr empfehlenswerter biblischer Jahresbegleiter.

Peter Zürn

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