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Vom Held zum Verbrecher – Eine historische Annäherung an die Leidensgeschichte   

Detlef Hecking im Interview zu den Hintergründen der Passionsgeschichte in forumKirche Ausgabe Nr. 6/2016

Wer die Evangelien über die Hinrichtung Jesu aufmerksam liest und dahinter die geschichtliche Wirklichkeit sucht, dem stellen sich verschiedene Fragen: Warum musste Jesus sterben? Wie kam es zu seiner Verurteilung? Hätte er sie vermeiden können? Detlef Hecking, Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle, beleuchtet im Interview die Hintergründe der Passionserzählungen.

 

Der Hinrichtung Jesu ging ein Konflikt voraus. Mit wem eckte Jesus an und warum?
Als Jesus in Galiläa unterwegs war, haben sich ihm viele Menschen angeschlossen. Sie waren fasziniert von seiner Ausstrahlung, von seiner Auslegung der Thora (fünf Bücher Mose), von seiner Gemeinschaft mit Ausgegrenzten und Armen. Die religiös-politische Führungsschicht hat aber gerade dies als Bedrohung wahrgenommen. Diese Leute haben ihre Ansprüche in Frage gestellt gesehen – Ansprüche auf Meinungsführerschaft und Respekt. Und dazu kamen Konflikte in der Thora-Auslegung. Das Sabbatgebot und einzelne Reinheitsgebote hat Jesus z. B. liberal ausgelegt.

Was bedeutet dies z. B. in Bezug auf das Sabbatgebot?
Jesus hat sich sehr wohl in der Sabbatpraxis seiner Zeit bewegt und dabei, wie andere auch, das Leben von Menschen über den Sabbat gestellt.

Warum liess der Hohe Rat Jesus festnehmen? Und warum geschah dies heimlich?
Der Hohe Rat war ja das oberste jüdische Selbstverwaltungsgremium in Israel zur Zeit der römischen Besatzung. Er bestand aus 71 angesehenen Sadduzäern und Pharisäern. Der Hohe Rat griff ein, als Jesus als Pilger nach Jerusalem zum Pessachfest kam. Sein Erscheinen hat Aufsehen erregt: Bei seiner Ankunft wurde er von manchen als Messias gefeiert, und am folgenden Tag hat Jesus Händler und Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben. Der Hohe Rat hatte deshalb – durchaus berechtigt – Angst vor einem Aufstand gegen die römische Besatzung. Pessach erinnert ja bis heute an die Befreiung Israels aus Ägypten und weckt deshalb auch Hoffnung auf Selbstbestimmung und Freiheit. Jerusalem war von Tausenden von Pilgern überfüllt und die römischen Soldaten haben Präsenz markiert. Jede kleine Unruhe konnte zu einem blutigen Massaker führen, was ein paar Jahre später auch tatsächlich an einem Pessachfest geschah. Deshalb wollte der Hohe Rat Jesus möglichst ohne grosses Aufsehen aus dem Weg räumen.

«Wir wissen nicht genau, ob sich Jesus selber als Messias bezeichnet hat.»

Was war in den Augen des Hohen Rates das Vergehen Jesu?
Unmittelbarer Anlass für das Eingreifen des Hohen Rates war die Kritik Jesu am Tempelbetrieb – konkret die Vertreibung der Händler und Geldwechsler aus dem Tempel. Das war ein direkter Angriff auf die Tempelbehörden, auf den Tempelkult und damit auch auf die jüdischen Führungsschichten. Das hat sie wahrscheinlich am meisten provoziert.

Auf einer grundsätzlicheren Ebene ging es aber auch um den hoheitlichen AnspruchJesu. Wir wissen nicht genau, ob sich Jesus selber als Messias bezeichnet hat. Historisch lässt sich das schwer beurteilen. Wahrscheinlich eher nicht. Aber Jesus trat mit einem so grossem Sendungsbewusstsein auf, dass sich die religiösen Autoritäten in Frage gestellt sahen. Nur wenige Mitglieder des Hohen Rates haben sich ernsthaft gefragt: Spricht Jesus im Namen Gottes wie ein Prophet? Ist er vielleicht sogar der Messias?

«Ein Stück weit handelte es sich wohl auch um Eifersucht.»

Letztlich ging es um Macht…
Ja, um den religiösen Führungsanspruch, um die authentische Auslegung der Thora, um authentischen Gottes-Dienst, auch im Sinne eines Gottesbezuges, der im Alltag sichtbar wird. Jesus hat das endzeitliche Königtum Gottes verkündet, das jeden Menschen persönlich und unmittelbar betrifft. Das verträgt sich nur begrenzt mit einer hoch institutionalisierten Religion mit klaren Regeln, Gesetzen, Priestern und Tempel. Und mit seiner Königtum-Gottes- Praxis hatte Jesus viele Anhänger gefunden, die wahrscheinlich die religiösen Führer auch gern für sich gehabt hätten. Ein Stück weit handelte es sich wohl auch um Eifersucht.

Die jüdischen Religionsführer durften niemanden hinrichten lassen. Wie brachten sie den römischen Statthalter dazu, die Hinrichtung Jesu anzuordnen?
Ja, die Todesstrafe konnte nur der römische Statthalter verhängen. Das bedeutet, dass der Hohe Rat eine Anklage finden musste, die diesen zum Handeln zwang. Der amtierende Statthalter Pontius Pilatus hatte zwar keine Skrupel, jemanden hinrichten zu lassen, aber er musste dennoch überzeugt werden.

Und hier kommen die Messiashoffnungen ins Spiel, die in dieser Zeit sehr vielfältig waren. Ein Teil dieser messianischen Hoffnungen war auch mit politischer Selbstbestimmung und Freiheit von der römischen Besatzung verbunden. Jesus hatte zwar keine politische Agenda im engeren Sinne. Doch der Hohe Rat hat die Vielschichtigkeit der Messiashoffnungen für seine Ziele genutzt: Er übergab Jesus mit dem Vorwurf, er habe sich als König der Juden bezeichnet. Das stimmte zwar nicht, aber es war eine mögliche Übersetzung des Messiastitels für die Römer. Das zwang Pilatus zum Handeln. So hat er den Prozess übernommen, und angesichts dieser Anklage war ein Todesurteil zu erwarten.

In den Evangelien kommt Pilatus relativ gut weg…
Es ist möglich, dass Pilatus nicht gerade erfreut war über diesen Prozess. Vielleicht hat er auch gemerkt, dass er in religiöse Auseinandersetzungen eingespannt werden sollte und hat sich deshalb gesträubt. Entscheidend ist aber, dass die Evangelien erst 40 bis 60 Jahre nach der Kreuzigung geschrieben wurden. Zwischen dem Mehrheitsjudentum, das Jesus nicht als Messias anerkannte, und den frühchristlichen Gemeinden wurde der Graben immer tiefer, die Konflikte schärfer, der Ton gehässiger. Ausserdem hatte es einen Krieg zwischen der jüdischen Bevölkerung und der römischen Besatzungsmacht gegeben. Jerusalem und der Tempel waren zerstört. Aber die Römer hatten immer noch die Macht im ganzen Reich. Es war auch die Zeit, in der sich das Christentum auszubreiten begann und die Evangelisten deshalb bestrebt waren, die römischen Behörden zu entlasten, um nicht als antirömische Unruhestifter in ihrer eigenen Zeit dazustehen. Dies alles ging in der Darstellung der Evangelien tragischerweise zu Lasten des Hohen Rates und des Mehrheitsjudentums, zum Teil auch auf Kosten der Treue zu den historischen Fakten.

Der Hohe Rat wollte zwar die Verurteilung Jesu, war aber nicht der Hauptverantwortliche. Das Todesurteil hat Pilatus gefällt.

Welche Rolle spielt «das Volk» bei dieser Entscheidung?
Eigentlich eine sehr kleine. Die Verhaftung Jesu fand nachts statt, der Prozess frühmorgens. Bevor die meisten Menschen in Jerusalem mitbekommen haben, was da los war, war Jesus schon gekreuzigt. Für die Urteilsfindung spielt das Volk also keine Rolle. Die Evangelien erzählen jedoch, dass «die Volksmenge» vor dem Amtssitz des Statthalters die Freilassung des Barabbas anstelle von Jesus gefordert hätte. Diese Aussage muss man relativieren. An diesem Ort war nur für wenige Dutzend Menschen Platz. Das war nicht mal ein Bruchteil der Bevölkerung Jerusalems, sondern nur ein paar Menschen, die zufällig da waren, vielleicht auch ein paar Claqueure, die andere aufgehetzt haben.

Genau diese Szene hat aber im Mittelalter unsägliches Leid über Tausende von Juden gebracht, wo z. B. nach den Karfreitagspredigten Pogrome gegen jüdische Gemeinden begangen wurden mit dem Vorwurf des Gottesmordes. Dagegen hat das Zweite Vatikanisches Konzil deutliche Worte gefunden und hat diesen Vorwurf sowohl auf der historischen als auch theologischen Ebene scharf kritisiert. Es stellte klar, dass man eben weder alle Juden damals noch die Juden heute verantwortlich machen könne für den Tod Jesu.

«Todesstrafe als Kreuzigung ist der Versuch, jemand auf die schlimmste Weise zu entwürdigen, ihn als Person zu zerstören.»

Was bedeutete das Urteil «Kreuzigung»?
Die Kreuzigung war die grausamste Todesstrafe bei den Römern, weil die Opfer so langsam starben und dabei noch öffentlich ausgestellt waren. Todesstrafe als Kreuzigung ist der Versuch, jemand auf die schlimmste Weise zu entwürdigen, ihn als Person zu zerstören. Deshalb durfte diese Strafe auch nicht über römische Bürger verhängt werden. Aber nichtrömische Bürger – Sklaven, Aufständische, besonders viele Juden – wurden häufig als Abschreckung auf öffentlichen Plätzen gekreuzigt.

Hätte Jesus dieses Ende vermeiden können?
Theoretisch ja, wenn Jesus aus Jerusalem geflohen wäre. Diese Möglichkeit lag ja auf der Hand: Der Weg vom letzten Abendmahl hinunter ins Kidrontal zum Garten Gethsemane hätte ihm Gelegenheit dazu gegeben. Ein paar Schritte weiter auf den Ölberg hinauf und Jesus wäre in einer halben Stunde in der Wüste Juda gewesen, auf dem Weg nach Jericho. Da hätte ihn kein Trupp der Hohenpriester mehr gefunden. Das ist interessanterweise auch der Weg, den König David 1000 Jahre zuvor eingeschlagen hatte, als er vor seinem Sohn Abschalom floh. Doch Jesus wählt genau diesen Weg nicht. Im Garten Gethsemane betet er und lässt sein Schicksal auf sich zukommen. Die Evangelien erzählen, dass er dort zu seiner Entscheidung findet, dazubleiben. Dass Jesus nicht flieht, lässt tief in seine Seele blicken. Flucht oder gewaltsamer Widerstand kommen für ihn nicht in Frage. Jesus bleibt seiner Königtum-Gottes-Verkündigung treu. Königtum Gottes – damit verbindet sich ein unbedingtes Vertrauen auf das Wirken Gottes auch im Alltag – das bedeutet Feindesliebe und Gewaltfreiheit. Das alles hätte Jesus aufgeben müssen, wenn er geflohen wäre.

Daran knüpft die christliche Theologie auch an, wenn sie heute von seiner Selbsthingabe spricht. Jesus ist zwar nicht freiwillig, aber ohne Widerstand in den Tod gegangen. Und seine Worte beim letzten Abendmahl zeigen, dass er damit eine Hoffnung auf Gottes Wirken über seinen eigenen Tod hinaus verbunden hat.

Jesus ist also seiner Vision treu geblieben…
Ja, diese Hingabe ist auch der inhaltliche Kern der Kreuzesnachfolgesprüche: «Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten.» (Lk 9, 24) Das ist Jesu eigener Weg. Diesen Weg sind seitdem sehr viele gegangen: Oscar Romero als Bischof in El Salvador vor 35 Jahren oder auch heute Christinnen und Christen im syrischen Bürgerkrieg, die der Not nicht um jeden Preis ausweichen.

Interview: Detlef Kissner

(aus forumKirche Ausgabe Nr. 6)