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Doch kein Stall? Es war ein Haus! Und es ist ein biblischer Glücksfall, dass es bei Matthäus und Lukas zwei verschiedene Kindheitserzählungen über Jesus gibt – eine «Entflechtung» von Detlef Hecking (SKZ 50.2014)   

In Vorlesungen und Bibelkursen mache ich öfters ein kleines Experiment. Ich bitte die Teilnehmenden zunächst, alle ihnen bekannten Elemente der Kindheitserzählungen (Stern, Stall, Hirten, «3 Könige», Kindermord usw.) zu sammeln. Das gelingt meist recht gut, auch wenn sich häufig Erstaunen einstellt, wenn die Rede z.B. auf Zacharias und Elisabeth (Lk 1), den Stammbaum Jesu (Mt 1) oder andere Texte kommt, die viele Menschen nicht direkt mit der Geburt Jesu in Beziehung setzen. Bei der nächsten Aufgabe breitet sich jedoch oft grosses Erstaunen aus: In welchem Evangelium (Matthäus oder Lukas) stehen eigentlich die jeweiligen Geschichten? Hier beginnt meist ein wildes Rätselraten, bei dem selbst biblisch gut belesene Menschen oft zum ersten Mal darauf aufmerksam werden, dass es nicht eine, sondern zwei Erzählungen von der Geburt Jesu gibt – und dass diese Erzählungen ausgesprochen verschieden sind. Drei wichtige theologische Grundpfeiler sind zwar in beiden Erzählungen gleich (Geburt in Bethlehem zur Zeit des Königs Herodes, Deutung der unerwarteten Schwangerschaft Marias durch einen Engel als Geistempfängnis, Abstammung von David und damit besondere Nähe zu messianischen Verheissungen). Doch gerade die besonders stark mit der «Weihnachtsfrömmigkeit» verbundenen Geschichten wie z.B. die Volkszählung des Augustus, die Geburt in einem Stall, der Besuch der Hirten, die Huldigung der Sterndeuter, die Flucht nach Ägypten, der Kindermord usw. sind jeweils ausschliesslich in einem der beiden Evangelien enthalten. Hier und da kommt es sogar zu unvereinbaren Unterschieden zwischen beiden Erzählungen: Matthäus geht davon aus, dass die Familie Jesu vor und bei der Geburt Jesu in Judäa/Bethlehem lebt und erst gut zwei Jahre später, nach der Flucht nach Ägypten und der Rückkehr nach dem Tod Herodes des Grossen nach Galiläa/Nazareth umzieht. Bei Lukas machen sich Josef und Maria hingegen bekanntlich anlässlich einer (historisch nicht nachweisbaren) reichsweiten Volkszählung des Augustus auf den Weg von ihrem Wohnort Nazareth zu ihrem (vorübergehenden) Aufenthaltsort Bethlehem, der so zum Geburtsort Jesu wird, und kehren nach etwa anderthalb Monaten nach Nazareth zurück. Dass Jesus bei Matthäus in einem «Haus» geboren wird bzw. zumindest kurz nach der Geburt dort aufzufinden ist (2,11) und dass die weitaus traditionsbildendere, lukanische Krippe samt Windeln bei Matthäus keine Rolle spielt, ist demgegenüber schon fast marginal (und stellt auch bei pointiert historischem Interesse keine ernsthaften Probleme).

Solche Fragen und die Bedeutung der sehr spezifischen Akzente, die in den beiden Kindheitsgeschichten gesetzt werden, spielen in Katechese und Predigt in der Regel meistens keine Rolle bzw. werden bisweilen sogar als unnötig oder überkritisch abgetan. Wir haben uns unter dem Einfluss der liturgischen Gestaltung des Weihnachtsfestkreises und der Krippenspiele seit vielen Jahrhunderten daran gewöhnt, die Kindheitserzählungen «synoptisch-additiv» zu lesen und die Teilerzählungen dabei abschnittweise ineinanderzuschieben. Das führt im Bewusstsein der meisten Menschen zu etwa folgender Abfolge der – dann oft auch als historische Tatsachenberichte missverstandenen – Erzählungen.

 

aus: Detlef Hecking. Zweimal Weihnachten. Die «Entflechtung» der NT-Kindheitserzählungen Jesu als bibelpastorale Chance.

Ganzer Artikel HIER:  Zweimal Weihnachten (SKZ 2014)