Wir bringen die Bibel ins Gespräch

Liebesbrief nach Rom   

Die Brieflesungen im Advent und im Lesejahr A / SKZ 48/2013

Die Gottesdienste an den Adventssonntagen sind geprägt von den Jesaja-Lesungen. Mit dem Bild vom Triptychon haben wir uns ihnen schon angenähert. Die Lesungen aus der Briefliteratur des Neuen Testamentes drohen von ihnen überschattet zu werden. Sie treten im Advent vielleicht noch mehr in den Hintergrund, als sie es im Kirchenjahr überhaupt schon tun. Die Bibel wird vor allem als Erzähl- und Geschichtenbuch wahrgenommen. Die neutestamentlichen Briefe bringen aber allein durch ihre Form etwas zum Vorschein, was wesentlich für den Glauben in biblischer Tradition ist: Briefe sind Kommunikation. Briefe sind Ausdruck von Beziehung. Briefe sind eingebunden in ganz konkrete Situationen, in die Lebenssituation von Gemeinden. Die Lesungen aus den Briefen können uns erschliessen, dass biblisch geprägter Glaube wesentlich Beziehung ist und sich im Zusammenleben an einem ganz konkreten Ort verwirklicht. Warum also nicht mehr Briefe lesen?

Ein Liebesbrief nach Rom

 

Das Lesejahr A ist ein heimliches Römerbrief-Lesejahr. 23 Sonntagslesungen stammen aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom. Die Schwerpunkte liegen im Advent (1., 2., 4. Adventssonntag), in der Fastenzeit (1., 3., 5. Fastensonntag) sowie in einer fast viermonatigen Lesereihe im Sommer (9.–24. Sonntag im Jahreskreis). Es lohnt sich also für Predigerinnen und Prediger, sich im kommenden Lesejahr mit diesem Brief zu beschäftigen. Der Brief an die Gemeinde von Rom gilt ja auch als theologisches Vermächtnis des Paulus. Paulus selbst bezeichnet seinen Brief als «recht kühnes» Schreiben (Röm 15,15a nach der Übersetzung der Zürcher Bibel).1 Was ist kühn daran?

 

Paulus glüht für sein Anliegen. Die Zeit drängt, um es umzusetzen. Seine Briefe sind Liebesbriefe. Paulus lebt, reist, schreibt aus der Verbindung zum auferstandenen Christus. Diese Beziehung erschliesst ihm die Schrift, zeigt ihm, wie der Weg Israels mit Gott weitergehen soll: Das Heil des Gottes Israels steht allen Völkern offen. Es gibt keine Ausgeschlossenen mehr! In den Gemeinden wird dieses messianische Experiment hier und heute gelebt. Christusmystik, die Vision vom Miteinander von Israel und den Völkern, das gute Zusammenleben in den Gemeinden – das bewegt Paulus leidenschaftlich. Warum passt das so besonders gut in den Advent?

 

Adventsbriefe

 

Die Lesungen vom 1. und 2. Advent stammen aus einem grösseren Abschnitt des Briefes an die Gemeinde in Rom, der mit «Weisungen für das Leben der Gemeinde» umschrieben werden kann – Röm 12,1–15,13. Übersetzen wir «Weisung» mit «Tora», dann wird deutlich: Es geht Paulus um die Tora für die Gemeinde, darum, wie die Tora heute, in der gegenwärtigen Situation erfüllt werden kann. Die Lesung vom 1. Advent (Röm 13,11–14a) macht deutlich: Die gegenwärtige Situation ist nicht chronos, nicht die nacheinander ablaufende Zeit, sondern kairos. Es ist die Zeit, in der sich Entscheidendes tut. Jetzt, heute und hier, geht es darum, das Entscheidende zu tun, denn Gott und das Heil sind nahe. Was das Entscheidende ist, findet sich in der Tora und ist zusammengefasst in dem einen Satz von Levitikus 19,18: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» Die Tora erfüllt sich in Solidarität. Um das zu zeigen, sollte die Lesung unbedingt um die Verse Röm 13,8–10 erweitert werden.

 

Die Lesung vom 2. Advent (Röm 15,1–13 – auch hier ist es sinnvoll, den Lesungstext etwas zu erweitern) zeigt: Paulus belässt sein Anliegen nicht im Abstrakten, sondern bezieht es auf ganz konkrete Situationen, auf aktuelle und alltägliche Herausforderungen der Gemeinde in ihrer Lebenswelt: Soll man sich von der herrschenden Lebensweise in Rom fernhalten oder nicht? Wo liegen die Grenzen? Paulus unterscheidet Starke und Schwache in der Gemeinde. Die Schwachen sind für ihn die, die sich abgrenzen wollen – das ist für uns heute vielleicht überraschend. Für Paulus ist es ein Zeichen von Stärke, wenn alles möglich und mit einem reinen Leben vereinbar ist. Paulus spricht in guter biblischer Tradition vor allem die Starken an und fordert sie zu Solidarität mit den Schwachen auf. So wird die Gemeinde aufgebaut. Das ist das Entscheidende.

 

Ermächtigungsbriefe

 

Die Lesung vom 4. Advent, der Anfang des Briefes an die Gemeinde in Rom (Röm 1,1–7), ist eine grosse Ermächtigung. Paulus macht sich den Titel des Apostels zu eigen und weitet ihn auf seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die ganze Gemeinde aus. Paulus vertritt eine Vorstellung von Berufung, die alles Exklusive hinter sich lässt. Er denkt gross vom Volk Gottes nicht nur nach aussen, sondern auch nach innen.

 

Die Leseordnung in der Advents- und Weihnachtszeit ordnet den Lesungstexten aus dem Brief an die Gemeinde in Rom zwei weitere Brieflesungen zu: aus dem Jakobusbrief am 3. Advent und aus dem Brief an Titus am Weihnachtsmorgen. Der Jakobusbrief bringt die Hoffnung auf die Wiederkunft Christi ins Wort. Das Bild der Ernte steht in der Tradition Jesu und Israels. Es ist Ruf zur Umkehr und Trost im Warten. Wir heute und hier dürften eher die Adressatinnen und Adressaten des Umkehrrufes sein. Der Ruf zur Umkehr beinhaltet auch Zutrauen: Wir können auch anders. Es kann, wir können anders werden. Der Titusbrief zeigt: In der Zuwendung zum Nächsten, in der Unterstützung des Schwächeren ahmen wir Gott und sein geschenktes Erbarmen nach. So berühren sich Himmel und Erde.

 

Briefe auf Weihnachten hin

 

In Zuwendung berühren sich Himmel und Erde. Darin erfüllt sich die Tora. Martin Buber übersetzt Lev 19,18: «Liebe deinen Nächsten, er ist wie du.» Jeder Mensch ist angewiesen auf Solidarität, auf Unterstützung, auf Zuwendung und Beziehung auf Augenhöhe. Wir leben nur, weil andere sich uns zugewendet haben, wir können nur da wirklich Menschen sein, wo wir diese Zuwendung erfahren. Als Kinder haben wir das erlebt, von Geburt an haben wir das erfahren. Als Erwachsene vergessen wir das oftmals. Starke leichter als Schwache, Wohlhabende leichter als Arme, Einflussreiche leichter als Machtlose, Männer eher als Frauen. In der Geschichte von den Weisen aus dem Morgenland erzählt die Weihnachtsgeschichte des Matthäusevangeliums von einer Gegenbewegung, dem Weg hin zum Kind in der Krippe. Dem auf Zuwendung angewiesenen Kind in uns allen.

 

Adventsbriefe und «lectio divina»

 

Dieser Beitrag möchte Anregung sein, die Breflesungen in den Gottesdiensten der Adventszeit aus dem Schatten treten zu lassen. Das Katholische Bibelwerk bietet ausserdem Unterlagen an, zu den Brieflesungen im Advent «lectio-divina»-Gruppen zu gestalten. Die Unterlagen bieten Hintergründe zu den Briefen – dieser Beitrag stützt sich auf sie –, eine Einführung in die «lectio divina», zu jedem der 5 Lesungstexte einen genauen Ablaufplan sowie jeweils ein Blatt für die Teilnehmenden mit dem Bibeltext, Hintergründen, einem Lied und Anregungen zum Lesen in der Gruppe und Weiterlesen zu Hause. Die Unterlagen können bezogen werden im Shop unter www.bibelwerk.ch

 

1 Vgl. auch Bibel und Kirche 3/2010: Der Römerbrief – ein reichlich kühnes Schreiben. Bestellbar unter www.bibelwerk.ch

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