Auf Gottes Stimme hören. Lebensimpulse aus der Welt der Träume (nicht mehr sicher lieferbar)

Brigitte Schäfer (Hg.) / WerkstattBibel Band 13

Als Buch des Monats ist dieses Mal der kurz vor den Sommerferien erschienene 13. Band der Reihe Werkstattbibel anzuzeigen. Das Kennzeichen dieser von der Bibelpastoralen Arbeitsstelle SKB, Zürich, zusammen mit der wtb, Deutschschweizer Projekte Erwachsenenbildung, Zürich, vom Redaktionskreis Dieter Bauer, Brigitte Schäfer, Angela Wäffler-Boveland und Peter Zürn herausgegeben Reihe, ist die Verknüpfung eines thematischen oder textlichen Scherpunktes mit einer bestimmten Methode, um daraus eine konkrete Unterrichtsanleitung für LeiterInnen von Bibelrunden zu machen für einen Kurs von 6 Bibelabende. Fundiertes Textwissen, methodische Kompetenz, praktische Umsetzbarkeit und persönliche Relevanz ist das Markenzeichen dieser Reihe, was auch im vorliegenden von Brigitte Schäfer herausgegeben Band «Auf Gottes Stimme hören. Lebensimpulse aus der Welt der Träume» voll gelungen ist.
Das Thema dieses Bands sind Träume. Sie kommen in biblischen Texten als ein mögliches Medium der göttlichen Offenbarung vor. Ob Träume aber wirklich verlässlich Gottes Stimme sind, das bleibt auch in der Bibel offen. «Die Auseinandersetzung mit den Träumen in der Bibel schliesst uns mit ein in die Gemeinschaft der Suchenden und Horchenden. Sie macht uns aufmerksam auf diese eine Möglichkeit, Gottes Stimme zu vernehmen, und warnt uns gleichzeitig davor zu glauben, wir hätten nun die sichere Frequenz gefunden, die es nur noch anzuwählen gälte. Träume können nur dann zu einem Lebensimpuls werden, wenn es gelingt, sie mit der Wachwelt in Verbindung zu bringen.» (S. 7.). Damit diese Verbindung gelingt, ist der methodische Schwerpunkt der Bibelarbeiten dieses Bands sehr handfest und konkret: das Modellieren mit Ton oder Knet. Beim Kneten mit der Modelliermasse in den Händen, «können unsere Gedanken schweifen, unser Gefühle fliessen, unsere inneren Ohren hören und unsere inneren Augen sehen, ohne dass wir den Kontakt verlieren mit der realen und materiellen Welt.» (S. 7)
Der erste Teil des Buches (S. 10-34) ist überschrieben «Bibeltheologische Einführung», bringt aber weit mehr als nur biblische Gedanken, sondern ist eine Kurzeinführung in das Phänomen des Träumens. Ein erster kurzer Abschnitt «Lebensimpulse» (S. 10) betrachtet Träumen als Phänomen aller Menschen in allen Zeiten, das dann für uns als Lebensimpuls fruchtbar wird, wenn wir mit anderen darüber reden, die Traumwelt in die Worte der Wachwelt fassen, so wie es bei den biblischen Texten geschehen ist, die ja bereits die literarische Reflexion von Träumen sind.
«Traum und Träume» (S. 11-14) befasst sich mit dem menschlichen Phänomen Traum: «Träumen ist die psychische Aktivität während des Schlafs» (S. 11). Träume helfen «Erlebnisse zu verarbeiten und zu integrieren.» (s. 12) Träume bedienen sich einer Symbolsprache, «in der innere Erfahrungen so ausgedrückt werden, als ob es sich um sinnliche Wahrnehmungen in der Aussenwelt handelte». (S. 13) Ein Archetyp dabei ist der Engel. «Der Engel ist die Urgestalt der eigenen Person, in ihm redet Gott in der Gestalt des eigenen Wesens zum Menschen». (S.13).
«Wegmarken der Erinnerung (S. 15-16) spricht die Methoden an, die helfen, sich an Träume zu erinnern, sie in Worte zu fassen und so für die Wachwelt nutzbar zu machen.
«Träume haben immer etwas Transzendentes an sich» konstatiert der kurze Abschnitt «Traum und Religion» (S. 17) So liegt einerseits nahe, dass Religion und Träume in vielen Gesellschaften etwas miteinander zu tun haben, dass andrerseits aber bereits die hebräische Bibel sich von den Traumdeutungen der Umwelt abgrenzt und das Neue Testament eine klare Trennlinie dazu zieht.
Ausführlich folgt dann der Abschnitt «Träume im Alten Testament und seiner Umwelt» (S. 18-30) Sehr lesenswert und fundiert werden hier die verschiedenen Erzählungen von Träumen im Ersten Testament kurz geschilderte und nach Funktion, Phänomen und Wirkung kategorisiert. Wichtig dabei ist zu beachten, dass dort wo Träume als Anweisungen Gottes verstanden werden, diese literarisch geschilderten Träume der Bibel immer bereits «schon gedeutete Träume» sind, der «Traumgedanke» ist aus dem «Trauminhalt» bereits herausgelöst. (S. 22)
«Der Traumglaube ist in der hellenistisch-römischen Welt weiterhin sehr stark verbreitet. Traumdeuter ist ein Beruf» beginnt der Abschnitt «Träume im Neuen Testament und seiner Umwelt»(S. 31-33), der aber dann die Skepsis und Distanz des Neuen Testaments gegenüber diesem Phänomen beton. Traumdeuten fehlt in den Listen der «wichtigen Kompetenzen und Funktionen in christlichen Gemeinden» (S. 32) «Auch die Ostererfahrungen werden nirgends mit Träumen in Verbindung gebracht» (S. 32) Trotzdem finden sich im Matthäusevangelium und der Apostelgeschichte Berichte von Träume als Instrument unmittelbarer göttlicher Führung.
Der abschliessende Abschnitt «Frauen und Träume – Frauenträume» (S. 33-34) dieses ersten Kapitels verweist auf den einzigen Traum einer Frau im Neuen Testament (Mt 27,19), der in einer Bibelarbeit ausführlich behandelt wird, und auf den grossen Frauentraum des Alten Testaments, wie er im Hohenlied gefasst wurde.

Das zweite Kapitel ist die «Methodische Einführung» in die alte Kulturtechnik des Modellierens. (S. 36-42) «Wenn wir in diesen Bibelarbeiten zu Träumen modellieren, klingt der kulturelle Hintergrund des Töpferns und Backens mit. Kneten und modellieren waren immer Arbeiten, in welcher Frauen und Männer sich jedoch gestalterisch frei verhielten und ihre Kreativität einbrachten – darum konnte diese Tätigkeit zum Sinnbild für Gotte schöpferisches Wirken werden. Kneten und Modellieren als Kulturtechniken hatten aber auch mit Nahrung zu tun, mit Versorgung und Fürsorge. Wenn wir unsere Finger mit der weichen Masse spielen lassen, kommen wir in Kontakt mit unserem Ursprung und Werden.» (S. 37)
Der Abschnitt «Einsatz und Ablauf der Methode» (S. 38-39) und die «Praktischen Hinweise» (S. 40-41) schildern den Umgang und die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Ausgangsmaterialien (Ton, Salzteig, Plastilin), sowie die inneren («dreckige Hände») und äusseren (Wohin mit den Modellaten?) Hindernisse sehr ausführlich und praxisnah, so dass man als LeiterIn damit seine eigene Hemmschwelle überwinden kann, sich an diese – so der Eindruck bei der Durcharbeit der 6 Bibelarbeiten – fruchtbare Methode wagen kann.

Das dritte Kapitel «Bibelarbeiten» (S. 44-93) stellt nun die 6 Bibelarbeiten vor mit jeweils gleichem Aufbau in vier Teilen: Zuerst kommt eine tabellarische Übersicht mit den drei Spalten Dauer, Inhalt und Vorgehen, Material zum Ablauf des Abends. Die Methode des Modellierens wird dabei sehr unterschiedlich an verschiedenen Positionen des Ablaufs eingesetzt, so dass all die Abende sehr abwechslungsreich sind. Anschliessend werden die einzelnen Arbeitsschritte der Tabelle ausführlich kommentiert. Dieser Kommentar zeugt von wirklich praktischer Erfahrung und Erprobung, erklärt ausführlich und weist auf mögliche Schwierigkeiten hin. Die «Gedanken und Informationen zum Bibeltext» bieten sehr fundiert den textlichen und historischen Hintergrund der jeweiligen Bibeltext. Zum Schluss gibt es Literaturangaben.
Die sechs Bibelarbeiten im Einzelnen:
1. Sein wie Träumende (Ps 126) von Katharina Funk, Hanspeter Köhne und Johanna Scheifele (S. 44-51).
«Der Geist in Psalm 126 zeigt, dass der Traum vom verwirklichten Heil Menschen fähig machen kann, um eine Wende zu bitten und sie dadurch auch bereit macht, diese Wende mitzuvollziehen und mitzugestalten» (S. 44). Die Bibelarbeit eignet sich als Einstieg in die Methode und führt durch andere kreative Zugänge gut an die Methode des Modellierens heran. Zum Ende des Abends modelliert jede TeilnehmerIn ihren «Traumort».
2. Dieser Baum bist Du! (Dan 4) von Dieter Bauer, Katharina Funk und Christina Kiener (S. 52-60).
Eines der geläufigen Traumsymbole ist der Baum. Diese Bibelarbeit geht sehr intensiv auf den Text ein. Methodisch geschickt wird der – für einen Bibelabend eigentlich viel zu lange Text – in kleine Abschnitte aufgeteilt und in Arbeitsschritte umgesetzt. Das Modellieren nimmt den Veränderungsprozess im Text auf, in dem zuerst ein Symbol der Macht gestaltet wird, das am Ende der Einheit entsprechend der Veränderung im Textverlauf umgestaltet wird. Der Einstieg des Abends «Ich bin ein Baum» ist sehr gelungen, die Backgroundinformationen zum Text sind exzellent und sehr hilfreich.
3. Hör nicht auf die Träume! (Jer 23,25-32) von Hanspeter Köhle, Chow-Ming Lutz und Klaus Sorgo (S. 61-68).
«Spricht durch die Träume wirklich Gott zu uns? An welchen Kriterien können wir ihn erkennen?» (S. 61) das ist die Problematik des Jeremiatextes, wo es um die Unterscheidung von wahrer und falscher Prophetie geht. Der Bibelabend startet mit einer chassidischen Erzählung, die sich dann durch den Abend zieht. Das ist zwar oft üblich, der Rezensent findet ein solches Vorgehen aber problematisch, weil dann der Bibeltext nur noch als Sprungbrett dient und es nicht zur vollen Wahrnehmung und zur Auseinandersetzung mit ihm kommt. Modelliert wird am Ende dann leider ein Aspekt aus der chassidischen Erzählung, der Bibeltext ist wohl schon wieder vergessen.
4. Träume zeigen Besonderes (Gen 37,2-11) von Christina Kiener, Brigitte Schäfer und Regina Strubel (S. 69-76).
Die Josefsgeschichte, aus deren Anfang dieser Textabschnitt stammt, ist wohl die biblische Erzählung, wo am dichtesten Traum und Wirklichkeit miteinander verarbeitet sind. Leider wird der biblische Text in seiner Fülle und Dichte mit diesem Bibelabend nicht intensiv bearbeitet, sondern ein assoziatives Detail wird ins Zentrum gestellt. Hier ist dann auch zum einzigen Mal in dem Buch eine Arbeitsanweisung etwas zu knapp: «Aus Flip-Chart-Blättern sind schematische Ärmelkleider ausgeschnitten» (S. 71) mit dieser Angabe wäre der Rezensent, zwar Spezialist für die Josefsgeschichte aber nicht bewandert in Damenschneiderin, nicht in der Lage, diesen Abend durchzuführen.
5. Träume als Wegzeichen (Mt 1,18-25; 2,13-23; 27,11-26) von Thomas Bär, Verena Hartmann und Verny Wyss (S. 77-85).
«Im Matthäusevangelium werden Menschen durch Träume von Gott geführt. Wir setzen uns mit den Reaktionen der Träumenden und ihrer nächsten Umgebung auseinander.» «In einem zweiten Schritt» erinnern wir uns «an eigene Träume und daran, wie sie unseren Lebensweg beeinflussen» (S. 77). Dieser Abend ist methodisch vorbildlich aufgebaut. In einem ersten Teil kommen die Texte zur Sprache, wobei die Aufteilung der drei Texte auf drei Gruppen, sowie die Abschnitte, in denen sie gelesen werden, sehr gut ausgewählt sind, was zum hervorragenden Textkommentar, der bei dieser Bibelarbeit geboten wird (S. 80-85), passt. Nachdem der Text im Zentrum stand, folgt das assoziative Besinnen auf die eigenen Träume mit Hilfe des Modellierens. Für die bewegungsreiche Anwärmphase des Abends fehlt ein Alternativhinweis für Gehbehinderte in der Gruppe.
6. Der Ruf Gottes (1 Sam 3,1-18) von Sidonia Kasper, Thomas Portmann, Vreni Wyss und Peter Zürn (S. 86-93).
«Es ist dunkel im Tempel, als der schlafende Junge Samuel seinen Namen rufen hört. Zunächst versteht er nicht, dass Gott ihn ruft. Die Bibelarbeit regt dazu an, zu überlegen, wie es gelingt, den Ruf Gottes wahrzunehmen und – wie Samuel – zu antworten: Hier bin ich!» (S. 86) Sehr eindrücklich versetzt der Methodenvorschlag des Vorlesens bei verbundenen Augen in die Situation des Textes und rückt durch das wiederholte Lesen den Text ins Zentrum. Dem entspricht auch der gute Textkommentar (S. 90-93). Die Modellierarbeit «Hier bin ich!» bringt nicht nur diesen Text, sondern alle Abend zu einem Abschluss.
Der kleine Band «Auf Gottes Stimme hören» ist – daran ändern auch die kleinen Kritikpunkte nichts – sehr präzise gearbeitet und kann – wie auch die anderen Bände der Reihe – empfohlen werden, um Anregung für einen methodisch kreativen Umgang mit Bibeltexten zu bekommen. Wenn dabei im Bewusstsein bleibt, dass die grösste Kraft in den Bibeltexten selbst liegt und die kreativen Methoden nur dienende Funktion haben, sind dem Buch nicht nur viel LeserInnen zu wünschen, sondern vor allem den damit veranstaltenden Kursen sehr viele TeilnehmerInnen.

Winfried Bader