Kirchenvisionen. Biblische Perspektiven für eine zukunftsfähige Kirche

Walter Kirchschläger, Leo Nowak, Anneliese Hecht

«Ohne Visionen geht das Volk zugrunde» heisst es in Sprichwörter 29,8. Gerade in der heutigen Zeit, wo man das Gefühl hat, dass die Kirche nur noch mit Sparen und Umstrukturieren beschäftigt ist und eigentlich nur noch eine Not verwaltet wird, ist es wichtig, den Blick nach vorne frei zu bekommen.
Gut biblisch richtet sich dieser Blick zuerst einmal zurück: Im Neuen Testament finden sich bereits Leitbilder für Gemeinden, die gerade heute wieder sehr aktuell sein könnten. Christliche Gemeinden waren damals Minderheiten in äusserst schwieriger Situation. Trotzdem – und vielleicht gerade deshalb – haben sie sich in einer bemerkenswerten Vielfalt entwickelt. Das, was heute vielen Angst macht: eine grosse Pluralität, war damals überlebensnotwendig. Warum nicht auch heute?
Walter Kirchschläger, Neutestamentler in Luzern und bekannt als jemand, der nicht nur im Elfenbeinturm der Universitätswissenschaft bleibt, zeigt in seinem Beitrag, wie in den Ortskirchen des Neuen Testaments Kirche gelebt wurde. Dabei verfährt er nicht naiv biblizistisch, sondern legt ausführlich dar, wie heute überhaupt aktualisierendes Lesen der Bibel normierend für die Kirche sein kann. Gerade diese hermeneutischen Vorüberlegungen helfen den Leserinnen und Lesern, das im Folgenden Gesagte auch ernst zu nehmen: nicht, weil es «damals schon so war», sondern weil hinter diesen neutestamentlichen Gemeindemodellen Prinzipien stehen, die gültig bleiben: das Bekenntnis zu Jesus Christus und das daraus folgende solidarische Tun. Die durchaus vielfältigen Strukturen trugen zur Lebendigkeit der Gemeinden bei. Für die heutige Zukunft plädiert Kirchschläger deshalb für die Stärkung der Ortskirche in überschaubaren Gemeinschaften, in denen die Du-Begegnung noch unmittelbar möglich ist. Diese Kirche wird nicht mehr der Ort von Klerus und Laien sein, sondern der Lebensraum des Volkes Gottes unterwegs.
Anneliese Hecht legt dann in einer Bibelarbeit dar, wie Paulus den Korinthern die Gemeinde als Leib Christi vor Augen stellt (1 Kor 12): noch heute ein Schlüsseltext für christliches Gemeindeverständnis. Anschliessend gibt sie dann auch konkrete Vorschläge für die Arbeit in der Gruppe.
Und schliesslich bringt Bischof Leo Nowak seine Erfahrungen aus den östlichen Bundesländern Deutschlands ein. Er ermutigt – ausgehend von den Aufbrüchen einer Minderheitenkirche im Bistum Magdeburg – zu Visionen von einer armseligen Kirche mitten in einer nichtchristlichen Welt.
In diesem Zusammenspiel von Bibelwissenschaft, Bibelarbeit und biblisch begründeter Pastoral ist ein Büchlein entstanden, das allen, die noch nicht resigniert und das Träumen noch nicht verlernt haben, Zukunft und Hoffnung geben kann.

Dieter Bauer